mystisches Bauwerk

Dem Besucher tut sich ein märchenhafter Raum auf. Etwa zehn Meter im Durchmesser und fast ebenso hoch.

Als ich Kind war, erzählte der Ätti im Schlössli-Gewölbe Bärwolfgeschichten. Wir sangen Lieder und hörten Gedichte, über viele Jahre hindurch immer wieder die gleichen Lieder und Verse. Diese Gewölberituale und -erlebnisse prägten meine Kindheit stark. Schon da wurde der Wunsch in mir geweckt, auch so ein Gewölbe zu bauen. Das war vor 60 Jahren.

Als wir auf der Stärenegg die Schmitte am Berg bauten, liess ich eine Öffnung zur Nagelfluh offen. Ein paar Jahre später, 1991 fragte mich ein Bub: «Du, darf ich da in die Nagelfluh lochen?» «Ja, das darfst du.» war meine Antwort und das war der Start zum Stärenegg-Gewölbe. Fünfzehn Jahre lang haben wir immer wieder den Berg weiter ausgehöhlt, ca. 500 m3 im Ganzen. Während fünfzehn Jahren habe ich etwa an dreihundert Abenden pro Jahr jeweils eine halbe Stunde studiert - oder war es Meditation? - wie es weiter gehen könnte. Viele Mitbauer konnten ihre Ideen einbringen. So hat z.B. Manfred Zürcher den meisten Fels abgebaut, Igor Staub das Fries und die vier Himmelsrichtungs-Tore geschaffen und Fritz Reber hat das wunderschöne einzigartige Gewölbe in genauer Arbeit gemauert. Unzählig viele Mitarbeitende haben an diesem Gewölbe gearbeitet. Ich möchte an dieser Stelle allen Gewölbebau-Mitarbeitenden, aber auch allen Menschen drum herum, wie der Stärenegg-Gemeinschaft, die diesen Bau ermöglicht haben, meinen grossen Dank aussprechen. Als wir nach fünfzehn Jahren Bau, 2006 die Gerüste abbauen konnten und so das Gewölbe zum ersten Mal sahen, war das eine grosse Überraschung. Wie schön, einzigartig und ganzheitlich das Ganze aussah.

Also das Gewölbe ist rund, hat einen Durchmesser von 9.20 Metern und die Gesamthöhe ist 8.5 Meter. Es hat vier Tore zu allen Himmelsrichtungen. Das Südtor führt zu einem über zwanzig Meter langen Gang mit einem 8 mm kleinen Löchlein am Ende. Dort scheint am kürzesten Tag des Jahres die Sonne – wenn sie also am tiefsten steht – am Mittag in die Mitte des Gewölbebodens. Ein grosses Erlebnis. Die elektrische Beleuchtung ist besonders angelegt und erzeugt ein angenehmes Licht. Für viele Besucher ist dieses Gewölbe, von aussen betrachtet so unerwartet, die grosse Überraschung im Emmental. Spontan geben sie diesem Innenraum ihren Namen, wie Felsen-Kathedrale, Felsendom, Felsenkeller, Grotte, Kuppelkeller oder sogar Pantheon. Wir nennen es Gewölbe und nutzen es für Gesang, Konzerte, Theater, Quartalsanfang und -ende und zeigen es gerne den vielen Besuchern, sei es in Gruppen oder einzeln.

Michel Seiler